Blog-Info:
Hier findet man jederzeit nachdenkende Texte aller Art und (m)eines einzigen
Copyrights, zwischen Kurzgeschichten, Artikeln, Glossen und Aphorismen
manchmal auch so etwas Lyrik und immer mit dem literarischen Anspruch
der Lesenswertigkeit. Das glauben Sie mir nicht? Schauen Sie doch selbst...

Katzenelson,
gez.: Vom Leben!
_______________________________________


Vom Leben gezeichnet




Ich
sah
das
Paradies ist abgerodet


  Gestern habe ich den Einseeligen gesehen, im Duell gegen den Tod. Mit unrechten Waffen kämpften beide, bis zum bitteren Ende. Erst habe ich sie gar nicht erkannt, sie traten aus der Dunkelheit als seien sie aus ihr gemacht. Sie waren Brüder unserer Zeit und Mitte, von sicherer Willenskraft, mit undurchdringlichen Augen. Möglichst teilnahmslos schaute ich ihnen eine ganze Weile zu.

  »Wenn es dir also um die Ehre letztendlich geht«, rief der Einseelige mit seiner allzeit geölten Stimme, »dann hast du doch gar nichts zu verlieren!« Er hatte noch immer sein gescheites Gesicht und die schlohweißen Haare lang; mit jeder leichten Wendung des Kopfes flogen sie umher.

  »Sie gefallen mir!« schallte es vom Gegenüber zurück, in seltsam hohlem Ton. »Aber wir stehen hier nicht im Genesis der Entstehungsgeschichte.« Gelächter kam aus dem grimmigen Halbdunkel der Nacht, erinnerte an den drohenden Ernst. Und dann schlug der Tod zu; er, ohne Sünde, warf den ersten Stein, mit blutgierigen Augen und siegesgewissem Blick, ob all der unerbittlichen Schmerzen.

  Der Einseelige, ein Taschentuch auf den Mund gepresst, die blauen Augen hervorgetreten und mit Tränen gefüllt, den Blick starr voran ins Blinde entrückt, den Oberkörper vorgeneigt, leicht taumelnd, sprach in mürbem Flüsterton, gleichsam hadernd und beschwörend: »Fürwahr, Gott hat nachgelassen.« Dann hauchte er aus und fiel.

  »Früher«, seufzte mit merkwürdig fliegenden Gesten der Tod, die letzte Erniedrigung dem Totengräber überlassend, »früher war alles viel jünger; selbst der Mond, der Sand und die Ferne.«

  Zwei Wolken flogen aufeinander zu, berührten sich im Gruß und stoben auseinander, bald zu Fetzen gestückt und immer weiter, möglichst auf den schmalen Schultern jener Hoffnung, die noch nicht war.

  Ich hatte genug gesehen und ging.

Kommentare:

brenham hat gesagt…

Hi,
diese Geschichte ist voll nach meinem Geschmack.
Großes Lob! Endlich mal lauter Fragen und viele Vermutungen, aber keine Sicherheiten...
Ich bin nicht sehr bibelfest. Aber ich weiß auch nicht, ob zu viele Nachfragen von mir und Antworten von Dir den Reiz der Geschichte nehmen...?

Auf jeden Fall toll.

gb

Abdulla hat gesagt…

Gute Arbeit... weniger seltsam... sehr beeindrueckend... weiter so... oder... ich nehme an, du hast demnaechst noch was Hoeheres... hier ist das Paradies auf Erden... solange es solche Kreationen gibt.

Schriftbild hat gesagt…

Hey,

angesprochen hat mich erstmal der Titel. Er ist gut und es stimmt, Paradiese gibt es nicht mehr. Was mich beeinruckte, ist dass du ANDERS SCHREIBST; vielleicht nicht immer literarisch auf allerhöchstem Niveau, aber doch sicherlich auf dem Weg dorthin.


Liebe Grüße

-S-

Der Illu hat gesagt…

Deine Geschichte ist gut!

Sehr seltsam, sehr bild- und lückengewaltig, viel Platz und Anregung zum Denken. Dazu die distanzierte, weil resignierende "Berichterstattung" und die Tatsache, dass du beim SChreiben (oder eher vorher) viel gedacht hast. Außerdem waren richtig gute Wendungen drin, von denen ich zwei herausheben möchte: "Und dann schlug der Tod zu, er, ohne Sünde, warf den ersten Stein, mit blutgierigen Augen und siegesgewissem Blick, ob all der unerbittlichen Schmerzen" und "früher war alles viel jünger; selbst der Mond, der Sand und die Ferne".

*gänsehautkriege*
Gruß,
der Illu