Blog-Info:
Hier findet man jederzeit nachdenkende Texte aller Art und (m)eines einzigen
Copyrights, zwischen Kurzgeschichten, Artikeln, Glossen und Aphorismen
manchmal auch so etwas Lyrik und immer mit dem literarischen Anspruch
der Lesenswertigkeit. Das glauben Sie mir nicht? Schauen Sie doch selbst...

Katzenelson,
gez.: Vom Leben!
_______________________________________


Blutige Hände


  Ich war dreizehn Jahre alt: Meine Mutter brachte uns den Kater vom Tierarzt zurück nach Hause. Ohne Ambulanz, einfach so auf dem Arm. Das war doch ein gutes Zeichen? Also lief ich ihr entgegen und nahm ihr den Kater gleich ab, wobei sie nuschelte: »Der Arzt sagt, er hat Krebs.«
  »Der Kater?«
  »Nein, der Arzt sagt das.«
  »Der Kater hat Krebs? Mein Kater?«
  »Ja, so sagt es der Arzt.« Damit griff sie die Fernsehzeitschrift von der Kommode, nahm die Handtasche mit den Zigaretten an sich und verschwand im Wohnzimmer. Ich zog mir den Anorak über, nahm den Kater an mich und ertränkte ihn kurz darauf im Kanal. Schließlich hatte er Krebs und nicht nur irgendeinen Schnupfen.

  Auf dem Weg nach Hause tröstete ich mich mit süßen Kaugummis aus dem Automaten. Vorbeifahrende Autos bewarf ich mit Pfennigstücken: Klack, aus der hohlen Hand gegen die Beifahrertüren. Mit jedem Pfennig verfluchte ich den blöden Krebskater ins Vergessen. Und die dummen Gesichter dazu! Aber es half nicht viel, und ich lief lustlos durch die dahergenieselten Pfützen nach Hause, ohne wirklich ankommen zu wollen. Mutter saß auf dem Sofa vor der Glotze. Ich setzte mich dazu. Wir sprachen kein Wort. Irgendwann legte ich meinen Kopf auf ihren Schoß und hörte ihren Bauch blubbern. Meinen Bauch. Später würden Tom und Jerry kommen und irgendwann auch ein neuer Kater. Ohne Krebs. Oder eine Katze.

  Auf das Fernsehprogramm war dann doch kein Verlass: Irgendwo hatte es ein Unglück gegeben, und sie brauchten den Sendeplatz für Blaulichter statt Comics.

  Die Presse teilinformierte uns aus dritter Hand so sensationell wie möglich und üblich: Herr Bragenscheidt, so las ich neulich, war nach seinem Sprung vom Dach jämmerlich langsam auf dem Pflaster ausgeblutet, und Frau Weingold schaffte es mit einer selbstverliebten Überdosis immerhin schlaganfällig noch bis zum Rollstuhl. Der kleine Thomas erhenkte sich zwar ziemlich endgültig auf dem elterlichen Dachboden, klinisch galt er aber noch lange nicht als tot. Der stadtbekannte Transvestit Rüdiger R. warf sich zur Stoßzeit selber vor die Tram, und der Notarzt zeigte herzmassierend allen auf der Straße dessen Titten noch mal her. Aber auch dafür gebot das Verhungern in der Dritten Welt keine Pause. Es machte einfach weiter. So wie jetzt.

  Ich ging in die Küche, mir ein Abendbrot zu schmieren und schnitt mir dabei knochentief in den kleinen Finger. Merkwürdiger Schnitt: direkt von der Kuppe senkrecht ins wehrlose Fleisch. Dunkles Blut entrann in warmen Bahnen, tropfte auf helle Kacheln hinab zur ewigen Erkaltung, als hätte es nie anderes im Sinn gehabt. Alles lief so geschmiert und sehr bestimmt. Für eine Weile schaute ich die vermeintliche Unaufhaltsamkeit an. Dabei wurde es mir zusehends schlechter: Das Pochen der Wunde schickte bereits Wellen übel in die Magengegend hinunter. Hastig band ich den Finger mit einem Gummi ab und wischte das Blut vom Küchenboden. Dann schlich ich in mein Zimmer. Ohne Brote. Und von den Blaulichtern unbemerkt.

***

  Wenn ich am Ende eines Tages die Zimmertür in den Nachtverschluss schickte, kam Vaters Knastjargon in meinem Unterton nicht von ungefähr: Denn hier begann bereits die Hoffnung eines neuen Tages, hier sammelte ich meine Kräfte, in dieser Stille weltlicher Abgeschiedenheit, geradeso wie er es in einem Brief aus seiner Zelle einst beschrieben hatte. Hier kam der ganze Spuk zum Ende, hierher kam niemand, noch nicht einmal meine Mutter. Dafür liebte ich sie über alles. Ob sie es wohl ahnte? Wahrscheinlich wusste sie es und hielt an ihrem Trumpf sorgsam fest.

  Ich hatte noch diesen Sezierbericht über eine Ratte zu schreiben; als ich in mein Zimmer kam, roch ich das sofort. Ich öffnete die Fenster für eine ausreichende Weile, gab den Fischen im Aquarium ihr Trockenfutter und wandte mich also den Schreibarbeiten zu. Unterm Schein der Tischleuchte flog die Zeit nur so dahin und ich mit ihr und zurück: Zum Ende spülte ich die Ratte durch unser Klo. Es war keine so große. Eigentlich war es nur eine Maus. Die hatte tot im Flur gelegen. Wurmbefall, eindeutige Sache.

  Im verschlossenen Badezimmer nebenan hantierte Mutter und versprühte ihr Haarspray. Es würde nicht mehr lange dauern, dann wäre sie hinaus in die Nacht. Mir war nie klar gewesen, ob Vater eine Ahnung hatte, was sie eigentlich trieb. Mal war von Arbeit die Rede, ein anderes Mal von Besuchen bei einer Freundin, die ich allerdings nie zu Gesicht bekam. Mit einer kinderleichten Frage hätte ich zwar alles herausfinden können, doch irgendetwas hielt mich davon ab. Ohnehin schien Mutter nicht gerne nachts das Haus zu verlassen. An jenen Tagen, an denen sie es übertrieben aufgetakelt dennoch tat, hatte sie bereits seit morgens anfällige Laune.

  Zurück im Zimmer fehlte mir der Kater. Sein Dasein war ruhiger Pol gewesen und sein Schnurren Wahrzeichen unserer Launen; dort, wo ich nun alleine saß und seine Ecke leer blieb. Meine Gedanken zogen zum nachtverhangenen Kanal hinaus. Ich stand auf, die Fenster zu schließen. Gardinen und Vorhänge zog ich außerdem zu. Und in die Lieblingsecke des Katers hievte ich eine bauchige Vase hin, mit künstlichen Sonnenblumen. Eine Art Kranzniederlegung, gegen meinen Willen. Der zerschnittene Finger meldete sich wieder. Er pochte. Mir wurde schwindelig, und ich legte mich aufs Bett.

  Es war sehr still mit einem Mal; Mutter hatte den Fernseher ausgeschaltet. Kurz darauf hörte ich, wie sie sorgfältig die Wohnungstür hinter sich verschloss, den Schlüssel abzog und die Treppen hinablief. Ich rekapitulierte: Diese Welt würde ich nicht an einem Tag retten, soviel stand wieder einmal fest. Mit der gesunden Hand hinterm Kopf lag ich da und dachte noch eine ganze Weile nach. Über das Leben und so. Irgendwann schlief ich ein.

***

  Die Schattenwesen hatten ihre Hände überall. Bald hatten sie mich vom Bett und auf den Beinen. Sie rannten vor und hinter mir und zupften an meinem Nachthemd aus Traumstoff. Sie hetzjagten mich so hin wie daher, und es wurde ihnen noch lange nicht genug: Durch die Tür trieben sie mich hinaus ins Treppenhaus - hier enteilte ich ihnen zeitweilig und errannte mir einen Vorsprung - all die kalten Stufen hinab, ganz nach unten. Tausendfach trainiert! Um letztendlich einmal dazustehen, auf dem Weg der Erkenntnis: Die Haustüre war nachts verschlossen. Ich verfluchte unseren verträumten Hausmeister oder wen und flüchtete so geplagt weiter wie bisher: Unter die Kellertreppe.

  »Treppenkehle«, sagten nicht nur Literaten...

  Dort, im hintersten Winkel der Schräge, drückte ich mich kauernd gegen die Wand: Mochten diese moderigen Schatten an mir vorüberziehen! Doch sie kannten sich aus in unserem Haus und seinen Sackgassen, und ich hockte in der Falle. Da kamen sie auch schon: Dunkelfaltige Scheingesichter, die sich, sobald man ihren Blick suchte, auflösten, detaillose Schattenkörper, angerückt mit weit aufgerissenen Mündern und ausgestreckten Armen, an mir zu zupfen und oh weh! Mächtig unangenehme Figuren: Zunächst hatte ich nur drei gezählt, dann jedoch waren es fünf, ein anderes Mal gar sieben. Dann wieder drei. Als ich die Sinnlosigkeit des Zählens bemerkte, unterdrückte ich es. Übrig blieb nur ein einziger Gedanke: Durch die Wand und zurück ins Bett! Ich erhob mich also halb aus der Hocke und schwebte, über die rechte Schulter mit der Stirn voran, hinein in das solide Mauerwerk unseres Hauses: Augen fest zu und durch! Ja, ich schwebte: Aufgesogen von der massiven Wand. Traumhaft!

  Meine ersten Schritte in einer begehbaren Wand: Ich hätte nun finsterste Dunkelheit in diesem Mauerwerk erwartet, als ich die Augen aufschlug, sah ich zu meiner Verwunderung jedoch Licht - wenngleich geziemt spärlich: Das kam so diffus durch die Mauerritzen hinein, wie man es unserem Haus von außen gar nicht ansah. So wollte ich es mir merken und auch meiner Mutter berichten. Ich wandte den Kopf nach links und nach rechts und erkannte: Ich war in einer begehbaren Wand! Nach obenhin endlos und ohne Boden. Und an manchen Stellen verdammt eng. Meine nackten Füße balancierten mich auf Holzverstrebungen über die Tiefe; problemlos, da ich zusätzlich auch schwebte. Ein Triumph, für einen wie mich.

  Da merkte ich augenblicklich, dass ich nur träumte...

  Doch die Schatten wussten ebenfalls weiter, und ich hatte mich wieder zu sputen: Keine Zeit fürs lange Weilen. Ich sah die Ungestaltigen erneut näherkommen. Also schlüpfte ich an einer instinktempfohlenen Stelle aus der seltsamen Mauer ins Treppenhaus zurück, auf dieselbe traumerprobte Weise, die mich zuvor bereits hineingebracht hatte. Und da ich einigen Weg innerhalb der Fassade zurückgelegt hatte, würde ich nun am besten an einer anderen Stelle herauskommen. Und tatsächlich: Ich fand mich zu den Briefkästen purzelnd, mit neuerlicher Vollgravitation. Und dort drüben war auch wieder unsere Treppe. Ich brauchte mich also nur noch die Stufen hinaufzuträumen, in unsere Wohnung, in mein Zimmer und ab ins Bett. Doch der Alp ging Schleichwege: Diese untriebigen Schattenweltler versperrten mir abermals den Aufstieg - truppenverstärkter denn je. Sie drängten mich zurück unter die Schräge, in diese hinterste Ecke der Welt. Und von Neuem tauchte ich in die hohlbauchige Wand ein, durchlief die innere Außenmauer auf diesem Lattengestänge, das nun einmal da war, so leichtfüßig, wie ein freudloser Seilakrobat: Um möglichst bald an einer anderen Stelle wieder herauszupurzeln...

  Als ich erwachte, lag mein Zimmer im Dunkeln. Und ich auf dem Boden neben dem Bett. Ein mieser Traum hatte mich gehabt, und ich kämpfte mich durch seine schattigen Nachwehen aus der Erniedrigung zur Bettkante hoch, bis ich endlich sicher oben saß. Nun, da ich mich hätte wehren können, war der Spuk natürlich weg. So ungestört leckte ich erstmal alte Wunden: Die zerschnittene Fingerkuppe war schmerzhaft angeschwollen, das Gummiband würgte viel zu straff. Ich befreite uns von der Qual, und kurz darauf zog frischwarmes Blut ein. Durch die Vorhänge schimmerte der zu erwartende Tagesanbruch. Nun war ich völlig aufgeweckt, an diesem Morgen meiner Herbstferien, zu dem ich ohnehin früh aufstehen musste: Es war Knasttag, und langsam wurde es auch Zeit.

***

  Wenn Vater in jener Zeit Geburtstag hatte, besuchten wir ihn sehr wohl, wie mit jeder anderen gelegentlichen Erlaubnis auch. Manchmal hatte Mutter weniger Lust, besonders, wenn ihre innere Wut mal wieder alles anfraß. Doch nie würde sie eine Möglichkeit auslassen, ihn zu sehen. Wir wohnten auch ganz in der Nähe. Auf unserem Hinweg mussten wir zuletzt nur noch die Bundesstraße überqueren, und Mutter griff nach meiner Hand. Ich mochte es nicht, wenn sie die Situation so ausnutzte, riss mich los und lief voran. »Marco! Pass doch auf ...!« hörte ich sie noch ins Gehupe kreischen...

  »Sie hatte so verzweifelt seinen Namen geschrien! Aber der Junge wollte ja partout nicht hören...«

  Dann war ich auch schon auf der anderen Straßenseite. Ohne Mutter und ihre Hand. Zeitlich blieb es unrentabel, denn ich musste natürlich auf sie warten. »Kannst du dich nicht einmal vernünftig benehmen?« befragte mich ihre Leier rhetorisch. Mehr war ihr herwegs nicht eingefallen für mich. Nur dieser Standardspruch. Egal; sie wusste sich bei alledem doch ertappt, auch wenn sie es nie zugeben würde. Fürs erste war sie heute genug gestraft. Also ließ ich mir auf offener Straße den Scheitel mit Spucke neuverlegen, und wir gingen in den Knast.

***

  Die Besucherschleuse hatte uns schnell geschluckt: Üblichkeiten sicherer Routine. Auf engen Fluren tummelten sich bereits, wie in diesen vorgeschriebenen Zeiten nicht anders gewohnt, die merkwürdigsten Leute, in schätzungsweise jeder Sprache und Hautfarbe, alle mit amtlichen Genehmigungspapieren, die meisten in Tuscheleien grüppchenweise vertieft, während andere alleine warteten und zu jedem uniformierten Daherstolzierer aufschauten, als sei er die Hebamme mit den allwissenen Antworten.

  »Na, mein Junge...«, bemerkte mich ein affiger Schlüsseldienstler, der bei jedem Wiedersehen an der Hinteransicht meiner Mutter zu erblinden drohte und mein Vater nicht war, weswegen ich ihm hinterrücks schon Grimassen hergezeigt hatte, »...alles in Ordnung bei dir da unten?« Gar nichts war in Ordnung: »Sie tragen ja eine Schlinge um den Hals«, erwiderte ich mit gespielter Besorgnis und starrte auf seine Krawatte. Als er die dann auch sah, war ich an Mutters Hand schon weiter.
  Die alten Dienstler hatten wenigstens Witz und Charme in ihren Augen und die Friedfertigkeit bevorstehender Pension; einer streichelte sogar mal über meinen Kopf. Zu mir, dem Sohn der Blonden, waren sie eigentlich immer nett; mehr als zu den anderen auf jeden Fall. Insgesamt kam ich also gerne her, während Mutter von alledem nichts wusste.

  Das Geschwätz auf dem Flur verebbte langsam, und es wurde still. Ein jeder hing seinen Gedanken nach; nur hier und da ein verlegenes Flüstern. Ich schaute mir meine Schuhe an: Es war ein ganz neues Paar, noch nicht an mich gewöhnt und zäh, aus echtem Leder. Mutter hatte sie mir morgens eilig in der Stadt gekauft, nach ihrer Nachtschicht bei dieser Freundin. Na ja. Ich könne ja nicht schon wieder mit den alten Latschen zu Vater, hatte sie richtig erkannt, denn ihm entging schließlich nichts. In diesem Wissen schaffte Mutter es noch immer so einzurichten, dass größere Patzer für uns ausblieben und wir nie in wirkliche Not kamen; obwohl meine Füße ihren letzten Drücker gerade jetzt zu spüren bekamen. »Ärmere Kinder haben gar keine Schuhe«, hätte sie einer Beschwerde entgegnet und recht gehabt, verdammt.


  Ein weißer Kinderschuh trieb mitten im Kanal. Winkend tanzte er auf dem Wasser daher, die Not des nackten Fußes sah man ihm unverblümt an. Alarmierte Taucher entdeckten bald die kleine Christa; zwölf Tage hatten die Blau- und Blitzlichter nach ihr gesucht: Sie war vom Hort nicht mehr heimgekommen.
  »So schöne Schuhe hast du«, hatte ihr der Mann aus dem roten Auto zugerufen, und sie war vom Weg ab hinstolziert, ihm das neue Paar zu zeigen. Doch dann zerbrach der Stolz: Tage und Nächte in den Fängen des einen, bis der andere sie im schmutzigen Fahrwasser entsorgte. Und den verlorenen Schuh warf er ihr in den Kanal hinterher...
  »Lauf, Christa, lauf«, rief er übers Wasser. »Du hast doch so feine neue Schuhe!«
  Zum Schluss übergab Kommissar Zufall den weißen Findling der hysterischen Mutter. Die Kameras waren live mit Beleuchtung dabei. Und im dunklen Kühlfach versteifte das blanke Füßchen, an dem nun seelenruhig ein Zettel hing, mit letzter notwendiger Notiz.


  Endlich wurden wir aufgerufen, von einem riesigen Wärter mit krummer Haltung und mächtigem Dampf in der Stimme: »Familie Bernhard Borowsky!«
  Erst eine Schrecksekunde, dann Erleichterung, und schon betraten wir mit diesem Koloss das Besucherparadies. Er wies uns den Weg bis an unseren Tisch, gegenüber dem Eingang, zur obersten Ecke des Saales.
  »Dein Vater hat reserviert, er lässt bitten«, zirpste Mutter wie angeheitert, und meine Erinnerung knipste ein Gruppenfoto zum Festtag: Elegant hochgehackte Blondine mit zeitloser Sonnenbrille, dazu der längste Beamtenlulatsch überhaupt und ich, der einzige Marco im Bilde, mit bespucktem, pechschwarzem Scheitel. Ja, auch ich verzwinkerte mir einen Augenblick: Geburtstag ist Geburtstag. Und der haltungsgeschädigte Platzanweiser blieb wie eingeladen bei uns stehen, als aufmerksamer Zuhörer und so.

  Während wir so auf Vater warteten, beschlich mich die Geschichte unseres letzten Besuches hier: Ganz vorne bei der Türe hatten wir gesessen, und am Nachbartisch war es laut hergegangen. Ein orientaler Familienrat hatte dort wortreich und turbulent debattiert, dreizehn Lärmhälse, alle und möglichst gleichzeitig in Aktion, komplett mit einem dickverwickelten Baby. Ein ungebetenes Flair von frischem Knoblauch war im Raum gehangen, weswegen mein empfindlicher Magen bereits rebellierte. Kurzum, es stank uns gewaltig, von geordneten Besuchsverhältnissen konnte nicht die Rede sein. Den Aufpasser, den sie dabei hatten, schienen sie bestens zu kennen, abgesehen von der Uniform sah der genauso südfremdlich aus. Und so gebot niemand Ruhe, weshalb sie ungestört lamentierten. Dabei taten sie furchtbar wichtig und trugen alle teure Schuhe.

  Vater verfiel bereits ins Nervöse, und ich witterte die Gefahr. Also ließ ich mir eine mittelschwere Blamage gefallen und erbat, die Besuchertoilette benutzen zu dürfen; wie einer, der es nicht gescheit einhalten konnte. Und das vor meinem Vater. Doch meine Absichten waren diesen Austritt wert: Kaum war ich um die Ecke und auf dem Flur hinaus, sichtete ich mir einen dieser jungherrischen Wärter und ging ihn bei aller Vorsicht in Flüsterstimmung an: »Herr Wachtmeister«, druckste ich unbedarft, »im Besuchsraum, da habe ich etwas gesehen, das wird Sie bestimmt interessieren...«

  Minuten später, ich war gerade zu meinem Stuhl zurückgekehrt, wimmelte es vor lauter Uniformierten zwischen den Tischen. Die Szene hatte sich schlagartig geändert, in wahrlich filmreifer Manier: Die turbane Knoblauchfraktion wurde aus dem Besuchsverkehr gezogen, allen voran das Neugeborene. Das wurde gezielt beschlagnahmt, da halfen selbst vollste Windeln nichts; im Gegenteil. Und herausgefordert folgte der muezzine Familienclan komplett, zwecks freirechtlichem Protest. Außer einem natürlich, den man zurück in seine Zelle abführte. Dann endlich war das Palaver über die Gefängniskorridore verhallt, die Fenster atmeten sperrig weit offen erste Frischluft, und Ruhe hatte sich eingestellt.

  Unwillkürlich schaute ich auch jetzt zu den vergitterten Scheiben hinüber. In der Ferne sah man den Kirchturm unserer Stadt. Die Jahreszeit legte eine graue Atmosphäre um seine Spitze. Klammheimlich erschlich mich ein ungutes Gefühl. Ich schaute zu meiner Mutter und dann auf den Regenschirm, den sie vorsichtshalber nicht zu Hause vergessen hatte. Als unser Lulatsch von seinem Kollegen an der Eingangstüre mit aufgeregten Winkzeichen dorthin befehligt wurde, orientierte sich meine schlechte Vorahnung gar ins Üble. Augenblicklich kribbelte es in meinem leeren Magen, als hätte ich Ameisenauflauf gehabt. Ich sah Mutter an. Mit alarmierter Aufregung kramte sie nach ihren Zigaretten. Wie ertappt schaute sie zu mir über den Tisch. In diesem Moment habe ich mich für sie und ihre hilflose Sucht geschämt. Hauptsächlich aber tat sie mir leid, wieder einmal.

  Wir haben meinen Vater an seinem Geburtstag nicht gesehen. Später war meine Mutter noch in den Büros der Gefängnisleitung; ziemlich lange. Mit einem Polizeiwagen fuhren wir durch erneuten Regen nach Hause. Es hieß, die Lokalpresse sei hinter uns her. Ein Trupp Uniformierter begleitete uns bis zu unserer Wohnung. Dort hat Mutter lange geheult. Im Schlafzimmer, hinter der angelehnten Tür; ich konnte es deutlich hören.
  Als zumindest das Wetter sich beruhigte, bin ich hinaus und habe an der Pommesbude gegessen; Currywurst war mein Leibgericht, mit einer Extraportion an Mayonnaise. Da niemand sonst unterwegs war und ich keine Freunde traf, bin ich einfallslos wieder heimgekehrt, mit einer fiesen Laune und keinem guten Empfinden im Magen. Ausgerechnet bevor ich die Treppen erreichte, musste ich mich übergeben. Und ich erbrach mich in der Treppenkehle, dieser hintersten Ecke der Welt, an jenem Tag meiner Herbstferien, als Vaters Geburtstag sein Todestag war. Sie hatten ihn im Duschraum von Haus III erschlagen. Und genau so kam es bald in die Abendzeitung.

  In der Nacht besuchte ich Mutter in ihrem Schlafzimmer. Das riesige Bett war leer. Die Luft ziemlich mies. Und die schweren Vorhänge zugezogen. Mutter saß auf dem Boden bei der Heizung, verloren, wippend, mit angezogenen Knien. Eine Nachttischlampe spendete ihr gespenstiges Licht. Um sie herum lagen abgerauchte Kippen. Wie das verstreute Laub kalter Zeiten.
  »Komm, Mutter«, sagte ich und nahm sie an meine Hand. Dann schlichen wir gemeinsam in mein Zimmer, über jene Grenze hinweg, bis in mein Bett. Ich wollte ihr noch von meinem Traum erzählen, von dem Licht in der Wand, den Lattengerüsten und all den merkwürdigen Gestalten. Doch da schlief Mutter schon, endlich, zusammengerollt auf ihrer Seite. Vorsichtig zog ich die Decke über sie, bis hinauf zum Kinn. Eine Weile lag ich so da, von meinem Ellenbogen gestützt, und schaute sie an. Mit der anderen Hand strich ich ihr über die blonden Haare, auf die sie immer so stolz gewesen war, und erkannte, dass sie ja doch eine Heilige war; irgendwie und weltweit verdammt einsam.

***

  Die Tage nach der Beerdigung meines Vaters waren die schönsten meiner Kindheit. Es ging sehr ruhig und friedlich zu. Irgendwann einmal haben wir dann mein Zimmer entrümpelt, den ganzen Kram und meine steten Aufzeichnungen einfach vernichtet. Und Mutter verließ nachts nicht mehr das Haus.

  Als ich im Frühjahr eine kleine, klitschnasse Katze nach Hause brachte, unter einem Gullideckel hervorgezogen, hat Mutter sie in ein riesiges Handtuch gewickelt, mich angeschaut, mir mit Spucke den Scheitel neuverlegt und wie überirdisch gelächelt. Da bin ich in mein Zimmer gerannt, habe die Türe verschlossen und geweint. So erleichtert war ich damals.

  Doch das alles ist schon verdammt lange her.


(Auszug aus Roman »Umstrittene Welten«, ©2010)

Kommentare:

minne3frosch hat gesagt…

Eine Geschichte, die nicht zu Ende geht: weil sie Spuren hinterlässt, weil sie mich zum Nachdenken zwingt und weil sie - trotz allem - Hoffnung vermittelt. Und Du hast sie, wie immer, sehr schön geschrieben.

Liebe Grüße,
Sandrah

shunya hat gesagt…

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Du hast Dich ziemlich gut in das Kind hineinversetzt, und die Handlung ist auch sehr interessant. Das Ende ist traurig und schön zugleich. Ich bin richtig erfasst davon.
Mach weiter so!
Ich bin schon gespannt auf Dein nächstes Werk.

castrop hat gesagt…

Die Story "Blutige Hände" hat mir sehr gut gefallen. Auch die Mischung aus Realität und Träumen.
Übrigens - ich lese Deine Geschichten sehr gerne.

Liebe Grüße von Castrop

rainbowgirl hat gesagt…

Die Geschichte hat es in sich, das gewisse Etwas und sogar noch etwas mehr! Bewegend und mitreißend...

Biggi57 hat gesagt…

Mal wieder super- konnte wie immer nicht aufhören zu lesen.

L.G. Biggi

Axel hat gesagt…

Geiler Stoff!