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Hier findet man jederzeit nachdenkende Texte aller Art und (m)eines einzigen
Copyrights, zwischen Kurzgeschichten, Artikeln, Glossen und Aphorismen
manchmal auch so etwas Lyrik und immer mit dem literarischen Anspruch
der Lesenswertigkeit. Das glauben Sie mir nicht? Schauen Sie doch selbst...

Katzenelson,
gez.: Vom Leben!
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Mrs Baker


  Es spielt wirklich keine Rolle, wer ich bin. Für diese Sache, die ich hier erzählen will, meine ich. Da ich eine prominente Person bin mittlerweile, wäre das wahrlich nicht hilfreich. Und für den Sachverhalt selber ist es auch unerheblich. Eine tatsächlich merkwürdige Angelegenheit, das werden Sie mir glauben. Meine Identität jedenfalls ist dabei nicht wichtig. Drum sei sie hier einmal egal.

  Es war damals am Ende meiner Studentenzeit, die ich zu einem angenehmen Teil in Hollywood verbrachte. Dort hatte ich während meiner Arbeit als Aushilfskellner die junge und unverwechselbare Mrs Baker kennengelernt. Nachdem wir uns einmal ausführlicher unterhalten hatten, ich glaube, sie hatte es darauf angelegt, kam sie mich eine Zeit lang in meiner Unterkunft besuchen. Sie war eine auffallend hübsche Person, zierlich und furchtlos zugleich, manchmal vielleicht zu sexy gekleidet, doch stets elegant. Auf ihre todschicke Art war Mrs Baker endlos bezaubernd und sicher einmalig. Sie mochte wohl zwei Jahrgänge älter als ich gewesen sein, kaum mehr, herangewachsen in rechtschaffener Gesellschaft, einen vornehmen Eindruck aufbietend, rassig und gleichzeitig piekfein, Aufsehen erregend, fürwahr. Und obwohl man ihr das Verheiratetsein auch gegen den Wind noch ansah, ließ ich mich doch auf sie ein. Wir waren also durchaus romantisch miteinander, wenn ich das einmal so sagen darf.

  Die ganze Angelegenheit war höchst erstaunlich, das gebe ich schon zu. Eine derart sensationelle Frau, die es so gezielt auf mich anlegt hatte, damals, als ich noch gar nicht berühmt war, allenfalls meilenweit davon entfernt. Also wirklich. Ich war so gründlich von ihr eingenommen, dass nicht mal die seltsamen Begleitumstände mich abhielten: So musste ich zum Beispiel eine Art Verkleidung tragen, bevor sie mit mir intim wurde. Stets zog sie einen besengroßen Oberlippenbart aus ihrer Handtasche, den ich mir anzukleben hatte. Zur Ausrüstung gehörte zudem eine Perücke, im Zopf mit armlangen Haaren, die ebenso maisgelb waren wie ihre eigenen. Und dann war da noch diese Brille, die aus randlosen Gläsern bestand, ohne jeden optischen Korrekturwert. Ein reines Fensterglasprodukt, das ich jeweils nur anfangs tragen musste; Schnurrbart und Perücke aber blieben bis wir fertig waren und Mrs Baker ging. So war das. Außerdem nannte sie mich dauernd Arthur, sobald die Verkleidung saß. An andere Bestandteile unserer Gespräche kann ich mich komischerweise gar nicht erinnern. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir überhaupt keine großartigen Absprachen brauchten; viel zu bereden gab es da nicht. Trotzdem hatte ich Mrs Baker gern.

  Oft konnte ich ihre Besuche gar nicht erwarten, besonders an Abenden, an denen sie nicht stattfanden. Sie war eine verdammt tolle Frau, Sie müssen das verstehen, und zudem eine verflucht gute Tänzerin. Wenn sie sich an meinem Radio zu schaffen machte und über kurz oder lang etwas Passendes fand, einen Walzer, einen Tango möglicherweise, dann haben wir ein paar Mal ausgiebig miteinander getanzt. Mrs Baker beherrschte das Geführtwerden ganz außerordentlich, ließ mich tadellos und schneidig erscheinen, ohne sich dabei selbst wichtig zu machen, so dass wir gemeinsam lupenrein über meine Dielen kamen. Sie verstand es vorzüglich, mich die dumme Verkleidung im Nu vergessen zu lassen. In der Tat hatte ich bald Augen nur für sie. Herr im Himmel, wie wir tanzten! Ich habe bis heute keine gefunden, die auch nur halb so gut war wie sie.

  Selbstverständlich, hin und wieder hatte ich mir schon vorgenommen, Mrs Baker wegen der Maskerade auszufragen. Einige Male allerdings schob ich dieses Vorhaben auf. Bis ich eines Nachts folgenden, durchaus lebhaften Traum durchmachte, der mich wirklichkeitsfern zu ihrer Adresse führte, um sie dort zur Rede zu stellen:

  Die Eventuelle wohnte in einer Seitenstraße des Glücks, wo sie Besuch von einem wie mir nicht erwartet haben konnte. Würdevoll nahm sie die Herausforderung dennoch an: Sie bereite sich gerade Tee, ob ich auch etwas Heißes bräuchte, einen starken Kaffee, ja aber gerne, das sei weder Mühe noch Problem. Ich folgte ihr bis in die Küche. Hinter ihr nahm ich Platz, wie schon so viele an diesem Tischchen gesessen haben mussten; sie war ein herrliches Wesen und roch nach frischem Tee. Sie redete mit mir, machte Konversation, nichts Schlimmes freilich, alles in bestem Ton. Zwischen ihren Handgriffen fand sie Zeit, die Zuckerdose frisch aufzufüllen; ich mag Frauen, die so was tun. Dann kam sie, wischte die Platte blank, stellte einen Aschenbecher parat. Gegen die aufkommende Hitze des Nachmittages gab sie ein Gläschen Halbgefrorenes her; ein süßliches Gebräu aus Birnensaft, Apfelpürre und Kaktusextrakt, mildgrün in der Farbe, köstlich und erfrischend zugleich. Sie klapperte eine Weile mit Porzellan, dann war das Gedeck schon herbeigezaubert, und wir tranken also Tee und Kaffee. Besonders ihre samtige Unterlippe hatte es mir angetan. Die war sowas von aufregend geschwungen. Und ihre hohe Stirn mochte ich gern; wie es wohl gewesen wäre, unter ihrem Schutz zu stehen. Ihren kleinen Körper hielt sie stets aufrecht, sie musste mal beim Ballett gewesen sein, war sie es nicht noch. Und den winzigsten ihrer Finger spreizte sie formvollendet, sobald sie die Tasse anhob, hinreißend zum Spagat. Ich nippte am Kaffee.
  Als ich sie schließlich nach jener Verkleidung fragte, mich über Schnurrbart und Zopf gar lustig machte, das Absurde des Kostüms betonend, entschlossen auf Erklärung drang…, da klatschte sie mir eine, und alles war dahin. Bis auf meine Erbärmlichkeit, natürlich.


  Erschrocken wachte ich auf, ziemlich verärgert, vorallem über mich. Und noch in derselben Nacht schwor ich jedem Leichtsinn ab, um es mir mit Mrs Baker nicht fahrlässig zu verderben. Sie überhaupt nur zu kennen, galt mir fortan als höhere Fügung des glücklicheren Schicksals, beschützenswert in jenen Zeiten, in denen sonst noch nicht alles so gut für mich lief.
  Und gerade als ich mich also an die absonderliche Affäre gewöhnt hatte, ich war ihr längst verfallen, ergab sich eine noch viel tiefgreifendere Begegnung der ganz anderen Art, in der Ankunftshalle von Hollywoods Flughafen Fort Lauderdale, wo ich hin und wieder beurlaubte Kollegen vertrat: Dort stand in der Kantine auf einmal ein Mann neben mir, eines blöden Tages, der genauso aussah wie ich in Mrs Bakers Verkleidung. Diese Haare, dieser Schnurrbart, die Brille! Er hatte meine Statur, mein massives Kinn und meine Hakennase, war mir zum Verwechseln ähnlich, wie aus dem Gesicht geschnitten! Ihm selber fiel das natürlich nicht auf, denn ohne meine Verkleidung schienen wir grundverschieden. Ich aber sah ihm die Austauschbarkeit sofort an. Es war mir unmöglich, auch nur für einen Moment meinen Blick von ihm zu nehmen.

  Wie häufig hatte ich mich im Spiegel betrachtet, wenn ich Mrs Bakers Utensilien trug, wie oft hatte ich mich dann gefragt, was sie eigentlich daran fände? Und nun stand dieses Spiegelbild leibhaftig vor mir, ohne mich eigentlich wahrzunehmen. Mir war, als stände ich selbst in Verkleidung neben mir, sozusagen, als müsste ich flink aus einem Traum erwachen oder vom Irrenarzt Hilfe erbitten, falls das jemanden interessiert. Ich war aufgeschreckt und gelähmt zugleich.
  Plötzlich drehte sich dieser Mann zu mir um und sah mich durch seine Brille an, die mir nur allzu vertraut war; ziemlich streng, mit herausgeforderter Überlegenheit und gar nicht erfreut, dass ich ihn unverhohlen begaffte seit geraumer Weile. Er las meinen Namen absichtsvoll vom Brustanstecker ab, den ich als Serviceangestellter jedem zur Schau tragen musste. Dann holte er ausreichend Luft, um mich wirksam anzufahren…

  »Mr Arthur Baker, nicht wahr?«, sagte ich, bevor er überhaupt loslegen konnte. Er staunte. »Sie werden sich nicht an mich erinnern, aber ich bin ein großer Fan von Ihnen,« fügte ich hinzu. Dann ließ ich ihn stehen und ging hinüber zu einem Tisch, an dem die Kundschaft mich nervös herbeiwinkte zum wiederholten Male. Ich spürte meine Beine nicht, meine Arme nicht, spürte gar nichts von mir, sondern nur, wie Mr Baker mir hinterherstarrte, wie er drauf und dran sein musste, mich an der Schulter herumzudrehen, mich zur Rede zu stellen, wiewohl er solch etwaiges Vorhaben dann aber doch verwarf.
  Ich habe keine Ahnung, was Mr Baker in seinem Leben so trieb, ob man überhaupt ein Bewunderer von ihm sein konnte. Vielleicht war er für sowas gar nicht geeignet. Und doch vertraute ich darauf, dass er sich zufrieden geben würde, und er tat es. Kurz gesagt: Er ging. Sobald ich mich endlich nach ihm umschaute, war er längst verschwunden.

  Seiner Frau, die immerhin von meiner kurzfristigen Aushilfstätigkeit im Fort Lauderdale Airport wusste, hat Mr Arthur Baker offensichtlich über die seltsame Begegnung berichtet; jedenfalls sah ich Mrs Baker fortan nie wieder. Dabei hätte ich mehr denn je einen Haufen Fragen an sie gehabt.

  Die folgenden Nächte verbrachte ich halbwegs betrunken statt nur allein. Ich war ganz niedergeschlagen und für niemanden zu haben. Es brauchte aufwendige Schwerstarbeit, den Verlust jener wundervollen Angelegenheit zu erdulden, deren größter Makel am Ende die Vergänglichkeit war. Eine Weile dachte ich darüber nach, Mrs Baker einen erbärmlichen Brief zu schreiben. Vielleicht könnte der sie umstimmen zu irgendetwas, das mich weniger auffraß. Doch die Idee an sich offenbarte mir erst, wie wenig Rechte ich an ihr hatte. Und so ließ ich es bleiben.

  Heutzutage, da ich zum Kreise bekannter Schauspieler zähle, frage ich mich manchmal, besonders wenn ich maisgelbe Frisuren sehe, was Mrs Baker so denkt, wenn sie mich in dem einen oder anderen Streifen auf der Leinwand erkennt. Ob ich ihr denn nicht zumindest ein wenig auch ohne Perücke und Schnurrbart gefalle? Immerhin ist die Liste meiner weiblichen Fans ansonsten recht lang. Es wäre mir tatsächlich ein großes Kompliment, wenn Mrs Baker ihren Arthur einmal als mich verkleiden würde. Das wäre schon eine Schmeichelei ohnegleichen.