Blog-Info:
Hier findet man jederzeit nachdenkende Texte aller Art und (m)eines einzigen
Copyrights, zwischen Kurzgeschichten, Artikeln, Glossen und Aphorismen
manchmal auch so etwas Lyrik und immer mit dem literarischen Anspruch
der Lesenswertigkeit. Das glauben Sie mir nicht? Schauen Sie doch selbst...

Katzenelson,
gez.: Vom Leben!
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Zur Stunde


   - Eine Kneipenwette -

  Ich stehe heute Abend, und daran bin ich selber schuld, hier im Dunkeln auf dem Domplatz splitternackt und friere. Die Füße habe ich zusammengestellt, um mich herum eilen Menschen. Bauch rein, Brust raus, Kopf in den Nacken; der Dom ist beleuchtet...


  Die meisten Geschäfte sind noch geöffnet...

  Ich halte meine gestreckten Arme seitlich angehoben vom Körper zum Kreuz hin und lasse auch mal den Kopf hängen: Vor mir liege ich auf der Schattenseite vom Reklamelicht neu gezeichnet; wie eine abgelegte Marionettenkarikatur, Abteilung Scherenschnitt, Marke Jesus, leicht verzerrt.

  Eine Frau rast heran, mitten durchs Bild, ohne theatralisches Feingefühl. Ihre Einkaufstüten funkeln farbig. Ob mir nicht kalt sei, fragt sie barmherzig. Ich sage ihr, ich friere. »Hier, nehmen Sie, junger Mann.« Sie legt mir einen Schal um.
  Dann schleppt sie die Einkäufe mit sich fort.

  Aus einer kleineren Horde von Beistehenden löst sich halbwegs spontan ein Kerl und kommt auf mich zu. Groß, behäbig, mit Vollbart, tüchtiger Hausbär, spricht albanisch. Er legt mir einen platten Karton hin. Ich steige darauf, entkomme barfuß dem einsetzenden Bodenfrost. Meine Kiefer schlackern aufeinander, dass es mir um die Zähne bangt, und ich beiße sie zusammen.

  Ein Kind bringt eine Decke. Wo hat das Kind die Decke her?

  Der Ausländerbär kehrt also um, legt mir die Decke auf die Schultern hoch, zupft dran, macht sie zurecht. Dann lässt er noch seinen Pullover da, bindet ihn mir über die Lenden und geht frierend davon. Ich zittere am ganzen Leib. Ein fieser Wind fegt zu dieser Stunde den Domplatz, kalt und bissig.

  Einige Minuten vergehen. Ich harre aus.

  Der Typ vom Imbiss schlendert unentschlossen her, setzt mir zimperlich seine fettige Mütze auf. Fast glaube ich, er ist nicht nur gekommen, dem Schauspiel publikumswirksam seine Reklame überzustülpen. Wortlos geht er.

  Dass es eisig kalt ist, sagt mir nun eine alte Dame Bescheid. Sie nickt dabei, ich könnte mir ja wer weiß was holen. Ich bestätige ihr, dass ich friere, und sie geht protestierend weiter. Was soll ich sagen, sie hat ja recht.

  Eine Gruppe Touristen-Japaner poltert aus dem Dom, lachen, als sei ihnen Gutes widerfahren. Doch dann entdecken sie mich. Fotos, die um die Welt gehen werden, spärlich belichtet. »Nich kalt?« erkundigt sich ihr lustiger Anführer. Ich sage ihm, ich friere, und er versteht nicht. Seine Übersetzung pariert dagegen sehr, und alle lachen. Außer mir. Bald sind wir fertig miteinander, und sie tapseln weiter. Ein Ungeheuer von einem riesigen Reisebus schluckt sie schließlich in seinen warmen Bauch.

  Die Stimmung drückt. Mein Zustand offenbart sich als Verschleißerscheinung. Bis über die Knie spüre ich die Beine nur als eiskalten Schmerz, glaube ich. Richtig weh tun aber erst Krämpfe.

  Ein Betrunkener spendiert mir seinen Mantel, habe ihn gar nicht gesehen. Er kriegt den Loden nicht über die Decke auf mich drauf und legt ihn mir zu Füßen.
  Ich denke an Ruhm, Rum und Rummel in der Karibik. Jemand applaudiert, gibt sich als Großstadtlegendenfan.

  Etwas links von mir steht eine dralle Blondine, ein wildes Bildnis von einer gepflegten Frau. Verwegen das Ganze. Es gibt Tage, da denke ich, mit meinem Wetteifer manches über Maß zu entbehren. Vielleicht lebe ich nur meiner großen Klappe hinterher und bin gar kein Held. Bettel ich bloß um Ehre oder kämpfe ich für Gnade schon? Saßen die anderen nicht im Warmen vorm Bier?

  Doch was sage ich, sieh nur, nun kommt sie auf mich zu, die von eben, scharfe Blonde.

  Neben ihr verblasst der Dom, mein Innerstes hört auf, zu frieren. Eine wie sie könnte ich bis zum letzten Atemzug lieben. Noch ein paar solcher Herzschläge, und das wars. So eine Frau dürfte nur in Begleitung einer Ambulanz auf die Straße! Mein Gott, sieht die gut aus. Wieviele vor mir sind auf diesem Platz öffentlich zu Tode gekommen?

  Sie erhebt ihre Stimme ins Zwitschern, ich rekapituliere, dass sie nichts hat, mich zu wärmen; sie deutet mir die Unverzichtbarkeit ihrer Habseligkeiten an. Und riecht dabei viel besser als die verdammte Kälte. Ich will sie nach einer Umarmung fragen, weil mir wirklich zapfenkalt ist. Doch nun ist sie schon weg.

  Und von rechts nähert sich ein Polizist. Zusammen mit zwei Politessen. Ein Wichtigtuer hetzt fuchtelnd neben ihnen; er ist mein Judas. Das wurde aber auch Zeit! Ich steige vom Karton und eile davon...

  Boah, ist das kalt. Beim nächsten Mal lasse ich mir auch so etwas Gemeines einfallen wie Spencer und jetzt ab und zurück in die Kneipe. Vielleicht überhole ich die Blonde ja noch, wenn ich nur tüchtig renne. Das wäre nicht so schlimm für sie, ich bin kein schlechter Kerl. (Einige Meter entfernt befragt die aufgeregte Polizei harmlose Passanten nach mir.)

  Bitterlich kalt. Aus den Büschen zerre ich mein Zeug, die Klamotten, ziehe Hosen über, schnell, werfe fremden Ballast ab und stürme voran. Zack, und die Treppen hinunter…

  Da drüben läuft sie ja!
  Ich hoffe, sie glaubt mir und kann unerschrocken lachen.

Märchen


  Es war einmal ein kleiner Bauernhof. Klein, weil der alte Gutsherr auf seine letzten Tage schlechterdings verarmt war und nur eine Kuh sein Eigen zu nennen noch schaffte. Diese allerdings gab erstaunlich gute Milch und reichlich, so dass der gebrechliche Herr doch genug für seinen Lebensabend überhatte. Wenn er die Kuh morgens entsaftete, muhte sie allzeit zufrieden und leckte ihm mit ihrer feuchten Zunge behutsam den Arbeitsschweiß aus der gefurchten Stirn - und alles war gut zwischen ihnen.

  Nun begab es sich eines Tages, dass ein junger Mann an der weidlichen Spärlichkeit des Bauern vorüberkam und diesem beim beschwerlichen Werken eine Weile zusah. »Hört, mein Herr«, hob er dann eine ausgelaugte Stimme ins Sprechen, »ich komme von weit her, habe Haus und Heimat aus den Augen nicht nur verloren, meine Beine sind lahm geworden und allzu schwer vom irrlangen Wandern. Gebt Ihr mir Ruhstatt und eine warme Mahlzeit nur, so werdet Ihr es nicht bereuen. Ich kann Euch gut zur Hand gehen und Euch vieles erleichtern.«

  Der Bauer, der im erreichten Lebensalter wohl schroff wirken mochte, aber im Grunde seines Herzens ein guter Mensch doch war, nahm den jungen Mann in sein karges Haus auf und gab im Teilen bereitwillig her, was sein bescheidenes Haben derart erlaubte.

  So saßen sie beim zufriedenen Küchenfeuer bis in den späten Abend, redeten und erzählten und verstanden einander ausnehmlich gut, dass der Bauer den Fremden gerne als Knecht zum Tagelohn bei sich aufnehmen mochte. Und so geschah es dann auch, noch bevor sie sich zum Schlaf niederlegten, von dem der Alte nicht mehr erwachen sollte.

  Am nächsten Morgen dann, in aller Früh, begab sich der Junge zur Kuh und melkte sie, wie es der Alte seit jeher getan hatte. Darüber wunderte sich die Kuh, zumal es sich am folgenden Tag nicht anders wiederholte, und so fragte sie letztendlich nach: »Sag an, Geselle, wo ist mein Herr verblieben, der zu mir gehört?«
  Völlig verdutzt hielt der Junge im Melken inne, und als er sich einigermaßen besonnen hatte, sprach er leise seinen Bericht: »Es tut mir leid, liebe Kuh, aber dein Herr war schon alt. Gott rief ihn zu sich, mit ihm den Himmel zu teilen. Er verstarb in vorletzter Nacht.«
  »Aha, im Himmel ist er also,« rief die Kuh und schaute bis ganz nach oben hinauf.

  Als tagsdrauf der verwaiste Melker wiederkam, sah er nur und gerade noch, wie die Kuh hinter einer Wolke ins Jenseitige entschwand. Da wurde er selbst seltsam traurig, lief in den Stall und suchte nach der längsten Leiter.

Verriss


  Der Film handelte von einer Engländerin, die ein Baby von einem Neger zur Welt gebracht hatte; damit fing alles an.
  Das Kind, es war ein Mädchen, hatte wirklich ziemlich dunkle Haut. Die Mutter selber aber, eine gewisse Anne Campbell, eigentlich aus Süd-Wales, war von sehr heller Haut, mit rötlich blondem Haar obendrein. Und sogar Sommersprossen hatte sie, derart hell.
  Damit sie samt ihrem Kind nicht so auffalle, und dass die Leute nicht wie verrückt glotzten, versuchte sie ständig, dunkel auszusehen. Der Film hatte echt diese Anmaßung von Sozialkritischem zum Thema, low budget in jener Hinsicht: Anne Campbell färbte also ihre Haare schwarz und dauernd gab sie alles mögliche Geld für Bräunungscremes aus. Nur falls ihr diese kostümreife Verstellung gelang, traute sie sich mit der kleinen Tochter auf die Straße. Sie wurde wirklich sehr hartnäckig damit, geradezu obsessiv. Als hätte sie die Blicke nicht aushalten können, sollte man meinen.
  Und dann zog sie sogar in eine Gegend von London, wo viele Schwarze lebten, nämlich nach Brixton, im Süden der Stadt, in ein schrecklich hässliches Haus, in eine auffallend hübsche Wohnung, wie ich fand. Ein wahrlich furchtbarer Film.
  Den Kontakt zu ihren Eltern, ein paar entsetzlich hutzelige Leute bei bester Gesundheit, brach sie völlig ab. So traf sie bald niemanden mehr, der ihr andauernd dumme Fragen und Blicke zuwarf. Mit der Zeit entsorgte sie zudem alte Fotos, bis sie bald selbst vergessen hatte, wie sie einmal gewesen war. Das dunkle Töchterchen aber liebte sie über alles, wie besessen. Jemand anderes war ihr wohl auch nicht geblieben.
  Als sie einmal versuchte, die Beziehung mit dem Kindvater neu aufzunehmen, der noch vor der Geburt verschwunden war, weil er ein Matrose war oder so, als sie sich also ein paar Mal mit ihm getroffen hatte, da mochte der sie gar nicht mehr anschauen, so dunkel war sie geworden. Es machte ihn rasend, denn ausgerechnet er mochte ja die Blonden so gern.
  Und in dieser Zeit traf Anne Campbell dann auf einen gewissen Henry Armstrong, ein Zugereister aus Amerika, der beim London Symphony Orchestra Paukenschläger war und anscheinend gut verdiente. Außerdem war er ziemlich dunkelhäutig, weil er selber ein Mischling war. Er sah wirklich aus wie ein Indianer, auf jeden Fall dieser Schauspieler, der sich für ihn auf der Leinwand verausgabte. Und alle waren glücklich, sozusagen.
  Eines Tages aber verliebte sie sich trotzdem in einen Juden aus der Stadt, einen dieser betuchten Ashkenasi, etablierte Diamantenhändlerfamilie oder so. Der war polnischer Abstammung, blass und sehr blond. Und weil der klar denken konnte, trieb er ihr die Flausen aus dem Kopf, und bald gab sie endlich diese meschuggene Bräunungscreme auf, färbte auch die Haare nicht mehr nach. Dieser Pole fand sie fortan noch viel hübscher, während Armstrong, der Paukenschläger, sie enttäuscht verließ; ganz aufgeregt tat er, schlimme Szene.
  Sie jedenfalls tröstete sich schnell mit dem Juden und wurde noch einmal glücklich, obwohl den das Kind irgendwie nervte.
  Bis sie eines Tages vom Tod ihrer Eltern hörte. Da war der Vater schon einige Wochen tot und beerdigt, die Mutter jedoch soeben erst. Die hatte nicht wollen, dass man die gute Anne über den Tod des Vaters informierte. Und nur von Amts wegen unterrichtete man sie überhaupt vom Ableben der verrunzelten Mutter, weil es keine Verwandten sonst gab.
  Also setzte sich Anne Campbell in einen Leihwagen und fuhr über die Autobahn nach vielen Jahren zum ersten Mal in die Heimatstadt zurück, das Elternhaus aufzulösen, den Nachlass zu regeln, was halt so anfiel, was weiß ich.
  Wenn ich doch nur eingeschlafen wäre, aber nein. Manche Filme sind so schlecht, sie eignen sich nicht mal dazu.
  Ein unerträglich langer Teil des Streifens wurde mit dieser Autofahrt bestückt: Man musste zuschauen, wie jene Anne da über die M4 - welche von London im Osten, vorbei am Flugplatz Heathrow in Richtung Westen nach Bristol und Süd-Wales führt - entlang zuckelte, in diesem Kleinwagen, der anscheinend über das merkwürdigste Radio der Filmwelt verfügte, denn es gab nur klassische Musik von unbekannten Komponisten her, über deren Unbekanntsein man sich wirklich nicht zu wundern brauchte; es war niederschmetternd.
  Erst als die junge Frau endlich ankam, erfuhr sie, man hatte die Mutter noch gar nicht beerdigt, sondern vielmehr auf die Tochter gewartet. Anne Campbell ging also ins Krematorium, wo die knitterige Mutter im Kühlfach lag. (An der Stelle hatte ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn sie praktischerweise das Autoradio vor Ort einäschern lassen würde. Ich hätte es getan.)
  Der Arzt dort sagte ihr, das alte Mütterchen, diese zierliche, geschrumpfte alte Frau, hätte Bräunungscreme gegessen, etwa fünfhundert Gramm, und sei daran gestorben. Der ganze Magen sei verklebt und vergiftet gewesen, es müsse qualvoll gewesen sein. Da brach der Tochter das Herz und der Verstand, sie fuhr heim, ohne dass Gott sei Dank die vollständige Rückreise gezeigt wurde, und erstach ihr kleines Mädchen, das gerade eine Woche vorm zehnten Geburtstag stand.
  Dann kam sie ins Gefängnis und wurde therapiert.
  Nach drei Jahren wurde ihr die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt, weil auch keine Wiederholungsgefahr bestand; sie hatte ja niemanden mehr.
Kaum draußen fing sie im ersten Laden erneut ihren Spleen mit der Bräunungscreme an, obwohl es gegen die Bewährungsauflagen verstieß. Und falls sie jemand fragte, gab sie sich stets für ihre eigene Tochter aus, die sie getötet hatte, als könnte das die Kleine sozusagen am Leben halten, wenn sie sich nur fleißig für sie ausgeben würde.
  Die Leute hielten sie also für verrückt, glotzten die Anne Campbell entgeistert an, wo immer sie auftauchte, und tuschelten über sie. Genau das hatte sie am Anfang des Filmes ja eigentlich verhindern wollen, nun war es ihr aber obviously egal - und so schloss sich also der Kreis. Welcher Kreis?
  Der komplette Film war wirklich nur deprimierend und ziemlich stupide. Dummes Zeug deprimiert mich immer wahnsinnig, das war gröbster Schund. Nach so was kann ich meist dann ein paar Tage lang gar nicht richtig atmen und auch keine vernünftigen Gespräche führen. Also, diesen Regisseur sollte man wirklich aufknüpfen. Solche Leute können einem nämlich tatsächlich das ganze Leben verderben für eine Weile und sollten aus dem Verkehr gezogen werden.
  Ich meine, irgendwie muss man sich doch gegen die wehren. Die verdienen obendrein noch Geld mit diesem Plunder.
  Auch verstehe ich gar nicht die Schauspieler, die sich überhaupt zur Verfügung stellen für einen derart vollgestopften Mist. Was haben die eigentlich für Agenten? Wenn die Todesstrafe bei uns einmal wieder eingeführt wird, werde ich mich mal bemühen, sie zu ermitteln. Sie ausfindig zu machen, daran ist mir tatsächlich viel gelegen, ganz im Ernst.

Balanceakt in Sätzen


  Mit gläsernem Pinsel aus dem Nirgendwo des Überalls malt ein Regen seine Symphonie in die betagte Landschaft, unermüdlich und wunderschön, als ginge ihn das hier gar nichts an:

  Habe mir soeben beim Rasieren ins Gesicht geschnitten. Mit sanfter Hand nimmt die Neue nun das Blut hinweg. Begutäugt meine Verletzlichkeit. Als müsse sie bald von unfassbarem Martyrium berichten. Hübsche Beine und gute Augen: Tochter eines marrokanischen Prinzen und einer jemenitischen Tempelhure. Sie reibt sich an mir. Mit schwarzen Haaren und unglaublicher Haut. Sie lutscht das Blut vom Finger, macht ein Dritte-Welt-Gesicht. Ihre Bewegungen und wie sie zu sich selber passt: Nie habe ich ein vollkommeneres Mädchen gesehen, annähernd nicht. Eine duftende Schweißschicht umgibt ihr Alles, mit orientalischem Parfüm getränkt. Ich streiche ihr eine Strähne aus der Stirn. Und dann ist sie auch zärtlich zu mir…

  Der wahnwitzig erregte Kröker von schräg gegenüber nimmt hinter seinem schäbigen Fernrohr Stellung, mit gespreizten Beinen und durchgedrückten Knien…

  Sie vergeht sich an mir.

  »Auf die Neue ist Verlass«, wird später befriedigt der Kröker in seiner Bude zu den wehrlosen Aquariumfischen sagen, in einem Ton so ungefährlich wie der Biss vom toten Lamm, nachdem er sie mit seinem alltäglichen Sperma gefüttert hat.

  Und mit gläsernem Pinsel aus dem Nirgendwo des Überalls malt der Regen seine Symphonie in die betagte Landschaft, unermüdlich und wunderschön, als ginge ihn das alles gar nichts an.

Rabenliebe


So nah das Flüstern der Bäume
unter gebrochenem Licht,
azurblau die Stunde, ich träume:
erfunden entgehst Du mir nicht.




Des Windes verspielte Hände
streicheln blind mich zur Nacht,
erzählen von Dir mir Bände:
Lichttropfen, innig entfacht.


Bettelbrut


Da steht ein Kind mit viel zu langen Armen
beim Notausgang vorm Kaufhaus nebenan;
dort aber kriegt es kein Erbarmen,
beim Notausgang da trifft man keines an.



Mit sicherlich fast beinah nix im Magen
bettelt sich die arme Brut voran;
nun kommt das Blag bis auch vor meinen Laden,
was man bisher ja nicht verbieten kann.



Teilnahmsvoll bereist mein Blick die Wolken,
ihre Fronten stehen vor der Stadt;
ich zieh besorgt die Stirn in krause Falten,
bis alles sich wieder verzogen hat.

Als es einmal wieder um einen guten Schnitt ging



  Mein Barbier und Leibfriseur in Ramat Gan hieß Boris. Ein ganz und gar zerzauster Kerl. Darüberhinaus zeichnete ihn aus, dass er seinen kleinen Laden gleich um die Ecke hatte. Ich war sein Kunde. Und sein König. Dachte ich, eigentlich…

  Im Frisierstuhl, unter typischem Umhang, weißbärtigem Vollschaum und zittrigem Rasiermesser: »Boris?«
  »Ja, Herr König?«
  »Willste Trinkgeld?«
  »Ach, ich habe den Kaffee vergessen…« Er eilte, und bald schlürften wir gemeinsam feinen Mokka. Und mein Boris zitterte schon ein bisschen weniger. Ich nicht. »Boris?«
  »Ja, Herr König?«
  »Willste Trinkgeld machen?«
  »Noch einen Kaffee?«
  »Nein. Hör nur mit dem Zittern auf! Du machst mir Angst.«
  »Also doch noch ‘n Kaffee…« Und weil mein Boris so gastfreundlich wie wieselflink war, schlürfte auch ich bald einen weiteren kaukasischen Mokka…
  »Boris?«
  »Ja, Herr König?«
  »Du verzitterst dir gerade endgültig dein Trinkgeld…«
  »Moment, Herr König…«
  Er verbarrikadierte die alte Ladentür mehr als nur quasi, holte seine bodenständige Wasserpfeife hervor, eine Nargila von riesigen Ausmaßen, und ich gab ihm etwas von meinem Tascheninhalt dazu.

  Später hat er dann gut rasiert und ein sicheres Händchen bewiesen. »Na also, geht doch.« Und Geld zum Trinken bekam er auch reichlich.
  Dass er mir tatsächlich eine Glatze frisiert hatte, fiel erst zu Hause auf. Irgendjemandem. Oder meiner Frau. Ich selber habe mir erstmal den Schaum aus dem Gesicht gewischt. Glaube ich.

Frieden kriegen


  Großmutter war tot. Die schweren Vorhänge ihres Schlafzimmers blieben zugezogen an diesem Tag, und auf Großmutters Nachttisch flackerte ein Talglicht neben dem aufgeschlagenen Katechismus.

  Bleich und klein lag sie da, wie eine Kinderleiche, niemand konnte ihr mehr helfen; kein Rotkäppchen, kein Jäger und auch kein David Copperfield-Kram.
  Niemand hatte ihr helfen können, als sie noch umherging oder an ihrem Tischchen saß und Schmerzen litt und sich Sorgen machte, wegen unserer Jungs beim Militär, wegen der Verrohung in der Welt und wegen ihrer Augen, die so viele Tränen vergießen mussten und nicht mehr recht wollten.

  Wie der Krieg denn damals gewesen sei, habe ich sie mal gefragt. Und sie hatte bloß genickt. »Der Krieg«, habe ich nachgehakt, »wie ist denn der so gewesen?« Und wieder war da nur ein Nicken; bescheiden zwar, aber ohne jegliches Zögern. Man musste es den Alten nachsehen, falls sie das Schweigen bevorzugten. Auch wenn es schwerfiel. Später bin ich dann nach Hause gegangen.

  Jetzt war Großmutters Gesicht ziemlich eingefallen, leere Wangen ohne Gebiss und wächsern die Haut; schauerlich, viel blasser als sonst, und es roch nach Eucalypstus Bonbons aus aller Münder.
  Auf der anderen Seite des Bettes lag ein Foto von Großvater; der war gestorben zu einer Zeit, von der ich nichts wusste. Mit Großmutter würde bald auch sein Bild verschwinden.

  »Ach, die Kriege«, hatte sie an anderer Stelle einmal gesagt, mit stupidem Blick nach vorn, »man hört nichts mehr von ihnen. Vielleicht sind die Kriege ja längst vorbei.«


  Die von der Stadt wollen jetzt abreißen kommen. Das wird bestimmt ziemlich staubig werden.


»Humane Hinrichtung« oder was?


  In den USA wird derzeit über menschliche Exekutionsmethoden diskutiert. Manche missverstehen das Thema und meinen, es gehe um die Todesstrafe an sich. Aber nein, es stehen »nur« die Methoden zur Debatte.


  Das aktuelle Problem: Verläuft der erste Schritt einer Hinrichtung durch die Giftspritze nicht reibungslos, nämlich die Verabreichung des Betäubungsmittels, dann lässt die vorgesehene Bewusstlosigkeit schier endlos auf sich warten, und der Verurteilte leidet ungeahnte Qualen.


  Gibt es die »humane Hinrichtung« überhaupt, oder ist jede Form der Todesstrafe per se als unmenschlich abzutun?
  Natürlich gibt es qualitative Unterschiede zwischen Hinrichtungsarten, einzuteilen in mehr oder weniger humane Vorgehensweisen. Es ist etwas ganz anderes, ob ein Henker dem Verurteilten jedes Glied einzeln ausreißt oder ihn ohne zuviel Leiden einfach einschläfert, zum Beispiel. So mag ein Verurteilter an sich gegen die Todesstrafe sein, warum auch nicht, aber vor eine letztendlich unausweichliche Wahl gestellt wird er sich doch für die humanere Alternative entscheiden, ähnlich wie der Henker, in dubio pro reo.

  Im Namen des Volkes

  Es gibt Spielräume zwischen barbarischen und humaneren Hinrichtungen, es gibt dieses Unterthema der Umstände in Theorie und den Tatsachen entlang, sowohl für den Henker als für den Gehenkten, und natürlich für alle anderen Beteiligten auch, bis zum Glotzer in der hintersten Reihe. Vermeintlich nötige und unnötige Grausamkeiten sind durchaus ein Faktor, der mit Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit zu tun haben kann, ganz ohne ernstzunehmenden Widerspruch.
  Also gibt es in der unausweichlichen Relation durchaus die »humane Hinrichtung«, wenngleich nicht unbedingt als Absolut.

  Mir scheint es wünschenswert, einmal die ach so tolle Moral aus dem Weg zu räumen für eine sachliche, objektive Weile, notfalls eben mit gewaltigem Aufwand, um der Wirklichkeit unvoreingenommen ins Auge zu sehen. Denn schließlich hat die Todesstrafe auch Fürsprecher, die nicht leichtfertig als Unmenschen abzutun sind, und Argumente, denen schwer beizukommen ist, woraus sich insgesamt eine gewisse Berechtigung ergibt, nicht nur im politischen Sinne.

  Exempel statuieren

  Selbstredend ist die Todesstrafe ein Instrument der Abschreckung, so wie jede andere Strafe auch. Inwieweit dieses bloße Ziel jederzeit erreicht wird sei dahingestellt, lassen sich unterlassene Straftaten doch ohnehin nicht zählen. Abschreckung ist aber per Definition eine Spielart der Selbstverteidigung, wie wir nicht nur aus Zeiten des Kalten Krieges wissen, und Selbstverteidigung ist wiederum ein Menschenrecht, gehört das eigene Überleben doch jederzeit zum Humanismus dazu. Insofern rechtfertigt also der humanste aller Gedanken die Todesstrafe, ob der Abschreckung und ihrer vermeintlichen Wirkung. Die Annahme alleine, dass es strafresistente Halunken geben mag, die sich ohnehin nicht abschrecken lassen, kann noch nicht heißen, alle Bemühungen in diese Richtung müssten drum eingestellt werden, unsachlicherweise.

  »Geschieht ihm Recht«

  Es ist wahr, dass Rachejustiz nichts Wohlwollendes birgt, in der Bundesrepublik Deutschland ist sie per Gesetz sogar verboten. Und doch fällt es schwer, jedem zu vertrauen, bei der Bestrafung von Deliquenten nicht auch Genugtuung zu verspüren. Merkt man aber, dass ein Grundrecht auf Selbstverteidigung unverzichtbar ist, dann bleibt einem nicht viel mehr, als etwaige Unannehmlichkeiten wie Nebenwirkungen einer notwendigen Behandlungen in Kauf zu nehmen.

  Wer es schafft, die Vorzeichen von Strafe aus dem Thema zu halten, der stößt übrigens auf erstaunliche Parallelen wenn es in scheinbar ganz anderen Diskussionen um Sterbehilfe geht, innerhalb von Kontroversen entlang desselben menschenwürdigen Todes, erschreckenderweise, wo dem einen zu billig ist, was dem nächsten rechtens erscheint.

Notiz vom 12. Januar '08: Madeleine und die Portugiesen





  Madeleine McCann ist seit nunmehr 255 Tagen verschwunden. Es liegt mir fern, mich mit Spekulationen am tragischen Schicksal von Maddie zu vergehen - aber etwas liegt doch an:

  Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat jetzt eine Verlängerung des andauernden Ermittlungsverfahrens um drei Monate beantragt. Der Hintergrund ist, dass nach portugiesischem Recht ein Ermittlungsverfahren nach acht Monaten eingestellt werden muss, wenn bis dahin keine konkreten Ergebnisse vorliegen oder Anklage erhoben werden kann.

  Was ist denn das für ein merkwürdiges Gesetz? Das kann doch wohl kaum zu nützlich sein, es sei denn, man ist bereit, Verbrechen Vorschub zu leisten - wogegen es allerdings noch ganz andere Gesetze gibt. Sollen doch Ermittlungen so lange dauern dürfen wie es braucht, um bestenfalls am Ende noch Klärung und Strafverfolgung zu ermöglichen, oder nicht? Acht Monate sind wahrlich nicht viel Zeit in manchem Fall und diesem, in dem das Mädchen ja sicherlich nicht von sich aus verschwunden ist und bleibt.

Amnesty International kontra Steinigung im Iran


  Das wurde aber auch Zeit, will ich meinen: Amnesty International fordert den Iran zur Abschaffung der »grotesken und schrecklichen« Praxis der Steinigung auf, bei der Menschen grausam zu Tode gequält werden.

  ai, die ohnehin gegen die Todesstrafe unter allen Umständen sind, berichtete, ein iranischer Mann sei im letzten Juli wegen Ehebruch zu Tode gesteinigt worden, obwohl eine Aussetzung (Moratorium) verhängt ist über derartige Hinrichtungen seit dem Jahr 2002.

  Der Frau, mit der er den Ehebruch begangen haben soll, steht die Steinigung noch bevor - eine Praxis, bei der die Frau bis zur Brust in Sand eingegraben und dann mit Steinen beworfen wird, bis sie stirbt.

  »Amnesty International fordert die iranische Regierung auf, die Hinrichtung durch Steinigung sofort und vollständig abzuschaffen und ein Moratorium für die Todesstrafe zu verhängen«, schreibt die Menschenrechtsorganisation in ihrem 30-seitigen Bericht über die Praxis.

  »Nach Iranischem Gesetz sind die Steine bewusst auszuwählen, um groß genug zu sein, Schmerzen zu verursachen, aber nicht so groß, das Opfer sofort zu töten. Es ist eine besonders groteske und schreckliche Praxis.«

  Zwar werde die Steinigung relativ selten praktiziert im Iran, sie ist aber nach wie vor die bevorzugte Form der Hinrichtung in Fällen von Ehebruch und erfährt eine unverhältnismäßig hohe Anwendung gegen Frauen, laut Amnesty.

  Der Iran hat eine der höchsten Hinrichtungsraten in der Welt. Im Jahr 2006 wurden 177 Menschen zu Tode bestraft, meist durch Erhängen. Letztes Jahr wurde diese Zahl wahrscheinlich überschritten, wobei 124 Menschen bereits in den ersten sieben Monaten hingerichtet wurden.

  Neben der Forderung nach der Abschaffung der Steinigung und einer Einstellung der Todesstrafe verlangt Amnesty International von der Iranischen Regierung, den Ehebruch zu entkriminalisieren, da er schließlich in der Mehrzahl aller Länder keine Straftat sei.

Klimakatastrophe? Apokalypse? Schwachsinn!


  Jede Generation hat seit Menschengedenken dem Weltenuntergang entgegen gefiebert. Und was ist geschehen? Nichts dergleichen. Der ewige (Alp-)Traum, am Ende mit dabei und mitten drunter zu sein, er ist und bleibt ein unerfülltes Versagen.
  Klimakatastrophe ist Wort des Jahres 2007 und Apokalypse bloß eine Vokabel, wenngleich die wohl älteste Marotte überhaupt.

  Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen…


  Am See

  Da steht das Schilf in seinem Grün, trotzt der Kälte und weiß nichts von meinem Kummer. Es steigt ein Vogel aus ihm auf, nimmt sich über mich hinweg und schreit, als wüsste er Bescheid, vor lauter Einsamkeit. Voran fällt mein Blick zum See. Ein Dunst steht auf der Oberfläche, blind; und hell wie Muttermilch. Je näher ich komme, desto weiter breitet er sich aus, um mich herum. Meine Füße sehe ich kaum mehr und nur wenn das Gold meiner Schuhe durchschimmert. Es riecht nach reichem, klitschnassem Moder, wie so eine Gegend nun einmal riecht, mit einem fadenscheinigen Versprechen im vertrauten Teil, im kalten Atem. Meine Schritte saugen sich stellenweise fest - nichts, was man seinem Gesicht antun wollte, denke ich, gesegnet sei der aufrechte, gesunde Gang.
  Ein Boot gibt es heute nicht.

  Als ich zum ersten Mal auf diesem See gefahren bin, inmitten meiner abgelegten Kindheit, einst, da habe ich ihn gerochen wie heute, an ihm gezweifelt, ihn ausgelotet, seine Vor- und Nachteile abgewogen, seine Temperatur, seine Funktion, seine Macht und meine Chancen.
  Die Jahreszeiten alleine können ihm etwas anhaben und ihn verändern, kurzfristig, jahrein, jahraus. Doch auf Dauer ist ihm nicht beizukommen; er ist noch immer wie damals.

  Dort drüben steht das Kreuz. Eine unglückselige Stelle. Hier habe ich meinen Bruder zum letzten Mal lebend gesehen.

about: Katzenelson’s

Katzenelson ist bloß ein Nick, ein internettes Pseudonym. Und der Rest hier ist auch Fiktion. Mein Defizit an Talent zum Autobiographischen lässt mir ja gar keine andere Wahl.


Na denn...

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