- Eine Kneipenwette -
Ich stehe heute Abend, und daran bin ich selber schuld, hier im Dunkeln auf dem Domplatz splitternackt und friere. Die Füße habe ich zusammengestellt, um mich herum eilen Menschen. Bauch rein, Brust raus, Kopf in den Nacken; der Dom ist beleuchtet...

Die meisten Geschäfte sind noch geöffnet...
Ich halte meine gestreckten Arme seitlich angehoben vom Körper zum Kreuz hin und lasse auch mal den Kopf hängen: Vor mir liege ich auf der Schattenseite vom Reklamelicht neu gezeichnet; wie eine abgelegte Marionettenkarikatur, Abteilung Scherenschnitt, Marke Jesus, leicht verzerrt.
Eine Frau rast heran, mitten durchs Bild, ohne theatralisches Feingefühl. Ihre Einkaufstüten funkeln farbig. Ob mir nicht kalt sei, fragt sie barmherzig. Ich sage ihr, ich friere. »Hier, nehmen Sie, junger Mann.« Sie legt mir einen Schal um.
Dann schleppt sie die Einkäufe mit sich fort.
Aus einer kleineren Horde von Beistehenden löst sich halbwegs spontan ein Kerl und kommt auf mich zu. Groß, behäbig, mit Vollbart, tüchtiger Hausbär, spricht albanisch. Er legt mir einen platten Karton hin. Ich steige darauf, entkomme barfuß dem einsetzenden Bodenfrost. Meine Kiefer schlackern aufeinander, dass es mir um die Zähne bangt, und ich beiße sie zusammen.
Ein Kind bringt eine Decke. Wo hat das Kind die Decke her?
Der Ausländerbär kehrt also um, legt mir die Decke auf die Schultern hoch, zupft dran, macht sie zurecht. Dann lässt er noch seinen Pullover da, bindet ihn mir über die Lenden und geht frierend davon. Ich zittere am ganzen Leib. Ein fieser Wind fegt zu dieser Stunde den Domplatz, kalt und bissig.
Einige Minuten vergehen. Ich harre aus.
Der Typ vom Imbiss schlendert unentschlossen her, setzt mir zimperlich seine fettige Mütze auf. Fast glaube ich, er ist nicht nur gekommen, dem Schauspiel publikumswirksam seine Reklame überzustülpen. Wortlos geht er.
Dass es eisig kalt ist, sagt mir nun eine alte Dame Bescheid. Sie nickt dabei, ich könnte mir ja wer weiß was holen. Ich bestätige ihr, dass ich friere, und sie geht protestierend weiter. Was soll ich sagen, sie hat ja recht.
Eine Gruppe Touristen-Japaner poltert aus dem Dom, lachen, als sei ihnen Gutes widerfahren. Doch dann entdecken sie mich. Fotos, die um die Welt gehen werden, spärlich belichtet. »Nich kalt?« erkundigt sich ihr lustiger Anführer. Ich sage ihm, ich friere, und er versteht nicht. Seine Übersetzung pariert dagegen sehr, und alle lachen. Außer mir. Bald sind wir fertig miteinander, und sie tapseln weiter. Ein Ungeheuer von einem riesigen Reisebus schluckt sie schließlich in seinen warmen Bauch.
Die Stimmung drückt. Mein Zustand offenbart sich als Verschleißerscheinung. Bis über die Knie spüre ich die Beine nur als eiskalten Schmerz, glaube ich. Richtig weh tun aber erst Krämpfe.
Ein Betrunkener spendiert mir seinen Mantel, habe ihn gar nicht gesehen. Er kriegt den Loden nicht über die Decke auf mich drauf und legt ihn mir zu Füßen.
Ich denke an Ruhm, Rum und Rummel in der Karibik. Jemand applaudiert, gibt sich als Großstadtlegendenfan.
Etwas links von mir steht eine dralle Blondine, ein wildes Bildnis von einer gepflegten Frau. Verwegen das Ganze. Es gibt Tage, da denke ich, mit meinem Wetteifer manches über Maß zu entbehren. Vielleicht lebe ich nur meiner großen Klappe hinterher und bin gar kein Held. Bettel ich bloß um Ehre oder kämpfe ich für Gnade schon? Saßen die anderen nicht im Warmen vorm Bier?
Doch was sage ich, sieh nur, nun kommt sie auf mich zu, die von eben, scharfe Blonde.
Neben ihr verblasst der Dom, mein Innerstes hört auf, zu frieren. Eine wie sie könnte ich bis zum letzten Atemzug lieben. Noch ein paar solcher Herzschläge, und das wars. So eine Frau dürfte nur in Begleitung einer Ambulanz auf die Straße! Mein Gott, sieht die gut aus. Wieviele vor mir sind auf diesem Platz öffentlich zu Tode gekommen?
Sie erhebt ihre Stimme ins Zwitschern, ich rekapituliere, dass sie nichts hat, mich zu wärmen; sie deutet mir die Unverzichtbarkeit ihrer Habseligkeiten an. Und riecht dabei viel besser als die verdammte Kälte. Ich will sie nach einer Umarmung fragen, weil mir wirklich zapfenkalt ist. Doch nun ist sie schon weg.
Und von rechts nähert sich ein Polizist. Zusammen mit zwei Politessen. Ein Wichtigtuer hetzt fuchtelnd neben ihnen; er ist mein Judas. Das wurde aber auch Zeit! Ich steige vom Karton und eile davon...
Boah, ist das kalt. Beim nächsten Mal lasse ich mir auch so etwas Gemeines einfallen wie Spencer und jetzt ab und zurück in die Kneipe. Vielleicht überhole ich die Blonde ja noch, wenn ich nur tüchtig renne. Das wäre nicht so schlimm für sie, ich bin kein schlechter Kerl. (Einige Meter entfernt befragt die aufgeregte Polizei harmlose Passanten nach mir.)
Bitterlich kalt. Aus den Büschen zerre ich mein Zeug, die Klamotten, ziehe Hosen über, schnell, werfe fremden Ballast ab und stürme voran. Zack, und die Treppen hinunter…
Da drüben läuft sie ja!
Ich hoffe, sie glaubt mir und kann unerschrocken lachen.
Ich stehe heute Abend, und daran bin ich selber schuld, hier im Dunkeln auf dem Domplatz splitternackt und friere. Die Füße habe ich zusammengestellt, um mich herum eilen Menschen. Bauch rein, Brust raus, Kopf in den Nacken; der Dom ist beleuchtet...

Die meisten Geschäfte sind noch geöffnet...
Ich halte meine gestreckten Arme seitlich angehoben vom Körper zum Kreuz hin und lasse auch mal den Kopf hängen: Vor mir liege ich auf der Schattenseite vom Reklamelicht neu gezeichnet; wie eine abgelegte Marionettenkarikatur, Abteilung Scherenschnitt, Marke Jesus, leicht verzerrt.
Eine Frau rast heran, mitten durchs Bild, ohne theatralisches Feingefühl. Ihre Einkaufstüten funkeln farbig. Ob mir nicht kalt sei, fragt sie barmherzig. Ich sage ihr, ich friere. »Hier, nehmen Sie, junger Mann.« Sie legt mir einen Schal um.
Dann schleppt sie die Einkäufe mit sich fort.
Aus einer kleineren Horde von Beistehenden löst sich halbwegs spontan ein Kerl und kommt auf mich zu. Groß, behäbig, mit Vollbart, tüchtiger Hausbär, spricht albanisch. Er legt mir einen platten Karton hin. Ich steige darauf, entkomme barfuß dem einsetzenden Bodenfrost. Meine Kiefer schlackern aufeinander, dass es mir um die Zähne bangt, und ich beiße sie zusammen.
Ein Kind bringt eine Decke. Wo hat das Kind die Decke her?
Der Ausländerbär kehrt also um, legt mir die Decke auf die Schultern hoch, zupft dran, macht sie zurecht. Dann lässt er noch seinen Pullover da, bindet ihn mir über die Lenden und geht frierend davon. Ich zittere am ganzen Leib. Ein fieser Wind fegt zu dieser Stunde den Domplatz, kalt und bissig.
Einige Minuten vergehen. Ich harre aus.
Der Typ vom Imbiss schlendert unentschlossen her, setzt mir zimperlich seine fettige Mütze auf. Fast glaube ich, er ist nicht nur gekommen, dem Schauspiel publikumswirksam seine Reklame überzustülpen. Wortlos geht er.
Dass es eisig kalt ist, sagt mir nun eine alte Dame Bescheid. Sie nickt dabei, ich könnte mir ja wer weiß was holen. Ich bestätige ihr, dass ich friere, und sie geht protestierend weiter. Was soll ich sagen, sie hat ja recht.
Eine Gruppe Touristen-Japaner poltert aus dem Dom, lachen, als sei ihnen Gutes widerfahren. Doch dann entdecken sie mich. Fotos, die um die Welt gehen werden, spärlich belichtet. »Nich kalt?« erkundigt sich ihr lustiger Anführer. Ich sage ihm, ich friere, und er versteht nicht. Seine Übersetzung pariert dagegen sehr, und alle lachen. Außer mir. Bald sind wir fertig miteinander, und sie tapseln weiter. Ein Ungeheuer von einem riesigen Reisebus schluckt sie schließlich in seinen warmen Bauch.
Die Stimmung drückt. Mein Zustand offenbart sich als Verschleißerscheinung. Bis über die Knie spüre ich die Beine nur als eiskalten Schmerz, glaube ich. Richtig weh tun aber erst Krämpfe.
Ein Betrunkener spendiert mir seinen Mantel, habe ihn gar nicht gesehen. Er kriegt den Loden nicht über die Decke auf mich drauf und legt ihn mir zu Füßen.
Ich denke an Ruhm, Rum und Rummel in der Karibik. Jemand applaudiert, gibt sich als Großstadtlegendenfan.
Etwas links von mir steht eine dralle Blondine, ein wildes Bildnis von einer gepflegten Frau. Verwegen das Ganze. Es gibt Tage, da denke ich, mit meinem Wetteifer manches über Maß zu entbehren. Vielleicht lebe ich nur meiner großen Klappe hinterher und bin gar kein Held. Bettel ich bloß um Ehre oder kämpfe ich für Gnade schon? Saßen die anderen nicht im Warmen vorm Bier?
Doch was sage ich, sieh nur, nun kommt sie auf mich zu, die von eben, scharfe Blonde.
Neben ihr verblasst der Dom, mein Innerstes hört auf, zu frieren. Eine wie sie könnte ich bis zum letzten Atemzug lieben. Noch ein paar solcher Herzschläge, und das wars. So eine Frau dürfte nur in Begleitung einer Ambulanz auf die Straße! Mein Gott, sieht die gut aus. Wieviele vor mir sind auf diesem Platz öffentlich zu Tode gekommen?
Sie erhebt ihre Stimme ins Zwitschern, ich rekapituliere, dass sie nichts hat, mich zu wärmen; sie deutet mir die Unverzichtbarkeit ihrer Habseligkeiten an. Und riecht dabei viel besser als die verdammte Kälte. Ich will sie nach einer Umarmung fragen, weil mir wirklich zapfenkalt ist. Doch nun ist sie schon weg.
Und von rechts nähert sich ein Polizist. Zusammen mit zwei Politessen. Ein Wichtigtuer hetzt fuchtelnd neben ihnen; er ist mein Judas. Das wurde aber auch Zeit! Ich steige vom Karton und eile davon...
Boah, ist das kalt. Beim nächsten Mal lasse ich mir auch so etwas Gemeines einfallen wie Spencer und jetzt ab und zurück in die Kneipe. Vielleicht überhole ich die Blonde ja noch, wenn ich nur tüchtig renne. Das wäre nicht so schlimm für sie, ich bin kein schlechter Kerl. (Einige Meter entfernt befragt die aufgeregte Polizei harmlose Passanten nach mir.)
Bitterlich kalt. Aus den Büschen zerre ich mein Zeug, die Klamotten, ziehe Hosen über, schnell, werfe fremden Ballast ab und stürme voran. Zack, und die Treppen hinunter…
Da drüben läuft sie ja!
Ich hoffe, sie glaubt mir und kann unerschrocken lachen.






